WoMent Heilbronn

Text: Joshua Kocher, Fotos: Nico Kurth

WoMent Heilbronn

Der Thomas-Kreislauf verhindert, dass qualifizierter, weiblicher Nachwuchs in die Führungspositionen drängt. Katharina Rust versucht, ihren Antrieb aus diesem Kreislauf zu ziehen. Gemeinsam mit Ines Keck und Stephanie Groen leitet sie die Geschicke von WoMent, dem Mentoring-Programm explizit für Studentinnen an den Heilbronner Hochschulen. Im Oktober startete das aktuelle Mentoringjahr unter dem Titel „Mut zu Veränderung“. 

Der Thomas-Kreislauf ist wahrscheinlich die stärkste Bremse für die Gleichstellung in den deutschen Firmenspitzen. Das Phänomen beschreibt die Tatsache, dass ein Thomas im Vorstand eines DAX-Unternehmens am liebsten einen anderen Thomas befördert. Der auch noch fast gleich aussieht, nämlich etwas über 50 Jahre alt, im früheren Westdeutschland geboren und Wirtschaftswissenschaftler oder Ingenieur.

Den Kreislauf hat die deutsch-schwedische AllBright-Stiftung 2017 erstmals so benannt. Diese hatte die Vorstände der an der Frankfurter Börse notierten Unternehmen analysiert und festgestellt, dass 93 Prozent von ihnen Männer sind, die sich in Alter, Herkunft und Ausbildung stark gleichen. Thomasse eben.

Doch bis heute hat sich daran nicht viel geändert. Erst im Oktober erschien ein Update der Studie. Demnach hat mehr als die Hälfte der 160 größten an der Frankfurter Börse notierten Unternehmen noch immer keine einzige Frau im Vorstand. In den Vorständen sitzen immer noch mehr Thomasse und Michaels als Frauen.

Katharina Rust muss lachen, als sie in ihrem Büro an der Heilbronner Hochschule von dem Thomas-Kreislauf erzählt. Er klingt so lustig — wenn es nur nicht so traurig wäre. Denn der Thomas-Kreislauf verhindert, dass qualifizierter, weiblicher Nachwuchs in die Führungspositionen drängt. Was ja seit Jahren gefordert wird; schließlich gilt seit 2015 für die Aufsichtsräte aller großen deutschen Börsenunternehmen eine Frauenquote von 30 Prozent.

Doch Katharina Rust versucht, ihren Antrieb aus diesem Kreislauf zu ziehen. Gemeinsam mit zwei weiteren Frauen, Ines Keck und Stephanie Groen, leitet sie die Geschicke von WoMent, dem Mentoring-Programm explizit für Studentinnen an den Heilbronner Hochschulen. Es ist ein Kooperationsprojekt der Wissensstadt Heilbronn e.V., der Hochschule Heilbronn und der DHBW Heilbronn, das es seit gut zweieinhalb Jahren in dieser Form gibt. Gefördert wird es von der Dieter Schwarz Stiftung.

Die Leitung übernahm Katharina Rust, die an der Hochschule Heilbronn am Referat für Gleichstellung und Diversität angestellt ist. Sie kümmert sich um das Projekt Management, die Kooperationen und die Kommunikation mit den Stakeholdern, den Aufbau von Unternehmenskontakten und die Anbindung an regionale Netzwerke. Unterstützt wird sie von der Projektkoordinatorin Ines Keck, die das Management von Bewerbungen und Veranstaltungen übernimmt und die zentrale Ansprechperson für die Studentinnen ist. Stefanie Groen wiederum hilft allen beiden. Dazu kommen noch zwei studentische Hilfskräfte vom Verein Wissensstadt Heilbronn.

WoMent soll junge Frauen in der Übergangsphase zwischen Studium und Beruf begleiten und helfen, rasch in der Berufswelt Fuß zu fassen. Viele Frauen tun sich schwer damit, sich selbst gleichermaßen professionell und authentisch zu präsentieren. Auch, weil das Verhalten von Führungskräften oft männlich geprägt ist. Erst langsam zeigt sich, was weibliche Führung heißt. Bei WoMent sollen die Teilnehmerinnen erfahren, wie sie ihre eigenen Ressourcen nutzen können, um sie für ihren beruflichen Werdegang einzusetzen.

Dabei bekommen die Teilnehmerinnen einen Mentor oder eine Mentorin an die Seite, welche in Führungspositionen sitzt. In Großkonzernen, Start-Ups, aber auch in kleinen und mittleren Unternehmen oder in der Wissenschaft. Die Mentees erhalten Einblick in den Berufsalltag einer Führungskraft aus Wirtschaft oder Wissenschaft und profitieren von den Erkenntnissen einer berufserfahrenen Person. Gleichzeitig lernen sie, die eigenen Fähigkeiten besser einzuschätzen und können konkrete Schritte für die eigenen Karriereziele entwickeln. Und sie bilden sich ein Netzwerk, zu Expert:innen in Wirtschaft und Wissenschaft, aber auch zu ihren anderen Mentees. 

„Wir haben hier am Bildungscampus hochtalentierte Studentinnen, die zu fachlichen Expertinnen ausgebildet werden“, sagt Katharina Rust. „Doch gleichzeitig müssen sie es schaffen, im Berufsleben Fuß zu fassen. Dafür braucht es Expertise neben dem Fachwissen.“ Bei WoMent können sich die Teilnehmerinnen ein Jahr lang mit sich selbst beschäftigen, sich hinterfragen, positionieren, einen Kompass setzen. „Und das nicht nur beiläufig, sondern in einem klaren Bewusstsein“, sagt Ines Keck.

Die Arbeit von WoMent hat nicht nur für die teilnehmenden Studentinnen Vorteile. Zahlreiche Studien belegen, dass divers zusammengesetzte Teams erfolgreicher und produktiver sind. Auch, weil sie Althergebrachtes eher hinterfragen, wie zum Beispiel eine groß angelegte Studie der Unternehmensberatung McKinsey belegt.

Die Unternehmen werden nicht darum herumkommen, mehr Frauen in Führungspositionen einzusetzen. Auch, weil es nach außen immer merkwürdiger wirkt, wenn ausschließlich weiße, mittelalte Männer auf den Firmenfotos zu sehen sind. Auch die Mentor:innen der Studentinnen könnten etwas mitnehmen aus dem Förderprogramm, sagt Stefanie Groen. „Sie entwickeln ein Bewusstsein dafür, was diese jungen Frauen in ihrer beruflichen Zukunft wollen. Und das tragen sie in die Unternehmenskultur mit rein.“

Das Programm WoMent dauert jeweils ein Jahr und wurde gerade erst um eine zweite Kohorte mit ingesamt 50 freien Plätzen erweitert. Es beginnt jeweils im Oktober und April, mit Start des Winter- und Sommersemesters. Bewerben können sich Studentinnen aus dem vierten oder fünften Semester. Auf die Online-Bewerbung folgen ein Vorgespräch und eine schriftliche Aufgabe. Wenn das gepackt ist, kommt noch ein persönliches Auswahlgespräch. „Da versuchen wir zu identifizieren, was die Ziele und Wünsche der Teilnehmerin sind“, sagt Ines Keck. „Ziel ist auch, das Mentoring-Programm divers zu besetzen“, sagt Katharina Rust. Nach Herkunft und Gender, nach Familienverhältnissen und Karrierezielen. „Das grenzt uns von anderen Projekten ab. Wir gehen weg vom klassischen Leistungsgedanken, bei uns zählt nicht nur die Note.“

Am 15. Oktober 2022 startete das aktuelle Mentoringjahr unter dem Titel „Mut zu Veränderung“. Bei der Auftaktveranstaltung an der Hochschule Heilbronn hielt Saskia Pihaly einen Vortrag, sie ist Coachin für Veränderung. Über das Jahr verteilt gibt es zehn bis zwölf Workshop-Treffen und dazu individuelle Karriereberatung mit viel Vor- und Nacharbeit. Wie Mentor:in und Mentee ihr Verhältnis gestalten, steht den beiden frei. Am Ende des Jahres gibt es ein Zertifikat.

Noch zwei Fakten, warum das Programm so wichtig ist. An den Universitäten promovieren mehr Frauen als Männer. Professoren werden dann aber eher Männer. Während in Deutschland 49,3 Prozent aller Studierenden weiblich sind und 47 Prozent aller Promotionen von Frauen geschrieben werden, sind nur knapp ein Drittel aller Professuren mit Frauen besetzt.

In Heilbronn wollen sie dagegen ankämpfen — und tun das mit Erfolg. Rust, Keck und Groen wollen ihr Netzwerk noch mehr erweitern, einen noch größeren Kreis an Unternehmen ansprechen. „Normalerweise gibt es an Hochschulen kaum Geld für solche Programme“, sagt Katharina Rust. In Heilbronn  hingegen konnten sie durch ihren Fördergeber der Dieter Schwarz Stiftung die Plätze dieses Jahr von 32 auf 50 erhöhen. „Wir wollen WoMent als Marke etablieren, die nicht mehr vom Campus wegzudenken ist“, sagt Rust. Und so den Thomas-Kreislauf durchbrechen.

 

Info:

Im Dezember 2022 startet die Bewerbungsrunde für den neuen Jahrgang 2023. Teilnehmen können Studentinnen der kooperierenden Hochschulen: Heilbronner Hochschule, Duale Hochschule Baden- Württemberg, DHBW Center of Advanced Studies, 42 Heilbronn, Technische Universität München, School of management. Sie müssen zu Beginn des Mentoringprogrammes WoMent im April immatrikulierte Studentin sein. Anmelden können sie sich über die Mentoringplattform des Programms: https://woment.matorixmatch.de