Wir verstehen uns nicht als Finanzinvestor, sondern als Förderer des Ökosystems

Campus Founders CEO Oliver Hanisch erzählt im Interview, warum er die Campus Founders nicht als Investor sondern als Förderer des Ökosystems sieht, weshalb sie nun trotzdem Geld in Startups investieren, warum ihn die Zusage für SLUSH´D Heilbronn stolz macht und wann ihn Heilbronn letztmals inspiriert hat.

Interview: Robert Mucha; Fotos: Nico Kurth

wissensstadt.hn: Oliver, wann hat dich Heilbronn letztmals inspiriert?

Oliver Hanisch: Da fallen mir zwei Erlebnisse ein. Im Frühjahr war ich auf einem kleinen privaten Hinterhof-Festival im Industriegebiet mit Graffiti, DJ- und Live-Musik, Kunst und Barbecue. Es war eine meiner wenigen Begegnungen mit dem Heilbronn abseits der Bildungscampus-Community, wo ich Teile der Heilbronner Subkultur und Offszene kennengelernt habe. Das war sehr inspirierend für mich. Zum anderen, jetzt kehre ich zurück in meine Campus-Bubble, war das KI-Festival Mitte Juli ein tolles Event, das wirklich Festival-Charakter hatte und einen Eindruck davon gezeigt hat, wohin sich Heilbronn in Zukunft entwickeln soll.

wissensstadt.hn: Solche Erlebnisse hättest du gerne öfter?

Oliver Hanisch: Ich bin jetzt fast drei Jahre hier, einen großen Teil dieser Zeit gab es coronabedingte Beschränkungen, weshalb ich mit meiner Familie diesen Aspekt der Stadt noch gar nicht so kennenlernen konnte. Deswegen fand ich beide Events sehr inspirierend, weil sie mir Facetten gezeigt haben, die für mich eine Stadt ausmachen und sie vom Dorf differenzieren. Heilbronn muss neben dem Bildungsangebot so attraktiv sein und werden, dass Leute nicht nur für das Bildungsangebot kommen, sondern auch wegen der Stadt und den Angeboten, Erlebnissen und Chancen, die sich hier ergeben bleiben. Ich glaube, dass eine Stadt für dieses Ziel ein vielschichtiges urbanes Flair und Lebensgefühl ausstrahlen muss. Deswegen habe ich mich gefreut und war inspiriert, dass ich so eine Szene und solche Aktivitäten jetzt mal erlebt habe. Ich bin jemand, der das urbane, die nicht ganz geleckten Ecken einer Stadt und die nicht zu 100 % durchgestylten Events auch mag.

wissensstadt.hn: Ihr als Campus Founders wollt unternehmerisches Handeln und Denken fördern. Zu Beginn eurer Arbeit hier in Heilbronn lag der Fokus auf den Themen Inspiration und Bildung. Wieso hatten diese beiden Punkte Priorität?

Oliver Hanisch: Die Zielsetzung ist gewesen, diese Themen des unternehmerischen Denkens und Handelns mehr Menschen zugänglich zu machen. Und da gehört zunächst die Inspiration dazu, neben der Sensibilisierung, der Aktivierung und der Ausbildung. Das ist der Themenblock, mit dem wir uns die ersten zweieinhalb Jahre fast ausschließlich beschäftigt haben. Nehmen wir als Analogie einen Trichter: Oben wollten wir möglichst viel Interesse generieren und das schafft man durch Angebote, die eher inspirierend und ausbildend sind. Mit all den Bildungseinrichtungen macht es auch absolut Sinn und deswegen sind für uns Kooperationen und Partnerschaften mit allen Hochschulen ganz wichtig. Wir wollen gemeinsam Studierenden aufzeigen, dass es einen Karriereweg gibt, der Startup oder Unternehmertum heißt. Und auch wenn viele unserer Teilnehmer aktuell noch einen traditionellen Karriereweg einschlagen, profitieren sie bei ihren Arbeitgebern von den bei uns erlernten Future-Skills. Wir investieren also schon in die unternehmerischen Köpfe und Talente. Jetzt sind wir in der Phase, in der wir das noch mehr in Startup-Aktivität ummünzen können. Deshalb entwickeln und bieten wir jetzt mehr Programme für diejenigen, die sich tatsächlich ausprobieren wollen, ein Startup zu gründen oder sich auch schon dazu entschieden haben, ein Startup zu gründen.

wissensstadt.hn: Wie inspiriert ihr konkret zu unternehmerischem Denken und Handeln?

Oliver Hanisch: Wir haben Teammitglieder, die spannende Gründerhistorien haben und daher selber inspirieren können. Wir laden interessante Gründerpersönlichkeiten ein und stellen Leute aus unserer Community vor. Ich habe neulich einen LinkedIn-Post zu einem Gründer abgesetzt, der jetzt gerade sein Abi gemacht hat und schon sein Startup hat. Solche Geschichten sind inspirierend für junge Menschen, so etwas ist motivierend, weil sie sich damit identifizieren können. Wir versuchen verschiedene Zielgruppen mit diversen Formaten auf unterschiedlichen Kanälen zu erreichen. Das können Events sein, Video-Content oder redaktionelle Interviews. Wir sind in der Josef Schwarz Schule gewesen, gemeinsam mit einem Teenage-Gründer, um 16-jährigen dessen Geschichte zu erzählen. Das sind Beispiele dafür, wie wir versuchen zu inspirieren.

wissensstadt.hn: In eurer nächsten Entwicklungsphase legt ihr den Fokus auf Startup-Development. Ihr habt jetzt u. a. das Venture Studio und nehmt Frühphasen-Finanzierungen vor, um Startup-Teams die ersten Schritte zu ermöglichen. War das von Anfang an klar oder hat sich dieser Schritt irgendwann in den vergangenen beiden Jahren entwickelt?

Oliver Hanisch: Alle Programme, die wir jetzt launchen, basieren auf Lernerfahrungen aus der Vergangenheit. Insofern war meine Hoffnung immer, dass wir auch mal in Startups investieren können. Aber das war nicht von Anfang an gesetzt. Doch die Situation ist beispielsweise so: Wir haben mehrere Teams, die sich nicht entscheiden können, ein Startup zu gründen, obwohl sie ein geiles Team sind und auch schon ein recht fortgeschrittenes Produkt haben. Aber Teammitglieder haben Jobs mit gutem Gehalt, Fixkosten und sie befinden sich in Lebensphasen, in denen die hohen Opportunitätskosten relevant sind. Da haben wir sehr viel gelernt. Wir haben auch gelernt, dass Startups hier im Ökosystem schon sehr viel erreichen müssen, damit sie für Investoren attraktiv sind. Die Wetten, die Investoren hier machen, sind nicht so groß und nicht so risikoreich wie sie beispielsweise im Silicon Valley getätigt werden. Ein Startup muss hier schon viel mehr vorzeigen können, wenn es Investments bekommen will. Ein Slide Deck und eine gute Story sind da nicht ausreichend.

wissensstadt.hn: Und an diesem Punkt wollt ihr ansetzen?

Oliver Hanisch: Wir haben darauf bezogen zwei Inkubator-Programme entwickelt, mit denen wir dieses Jahr fokussiert auf Startup-Teams zugehen. Das erste Inkubator-Programm setzt in der Frühphase an. Man kann sich bewerben, alleine oder als Team, aber ohne Startup, also in einer ganz, ganz frühen Phase. Es ist ein dreimonatiges Programm, das die Teams dahin bringen soll einen »Problem-Solution-Fit« zu entwickeln und in dieser Zeit ein tatsächliches, reales Problem zu identifizieren. Und ob das Problem groß genug ist, dass es sich lohnt, es zu lösen, für wen sie es lösen und ob das ein »Match« ergibt. Dieses Programm beinhaltet neben dem intensiven Coaching der Teams eine finanzielle Unterstützung von 25.000 € sowie freie Unterkunft für die Laufzeit des Programmes. Dies ermöglicht den Teams sich zu 100% zu fokussieren. Dieses Inkubator-Programm nennt sich AI Founders und legt den Fokus auf die KI-Startups, einer Basistechnologie, die ja auch im Hinblick des entstehenden IPAIs in den Fokus rücken wird. Es ist kohortenbasiert, sprich es nehmen mehrere Teams gleichzeitig teil.

Das Venture Studio fängt da an, wo der Startup Inkubator aufhört. Das heißt, die Teams müssen schon ein Problem-Solution-Fit haben, vielleicht auch schon einen Prototypen und einen Pilot-Kunden. Startups können sich auf dieses Programm bewerben, sie durchlaufen dann einen leichten Due-Diligence-Prozess, in dem wir sie kennenlernen und bewerten. Und wenn wir von ihnen begeistert sind, dann bekommen sie bis zu 100.000 € Wandeldarlehen. Das ist dann tatsächlich ein Investment. Dafür muss es auch ein Unternehmen gegeben, denn es ist ein Investment in das Startup und keine Unterstützung der Individuen. Das Startup erhält hier sowohl operative als auch strategische Unterstützung sowie ein Mentoring mit der Zielsetzung, einen »Product-Market-Fit« zu bekommen. Das heißt, Sie müssen dann schon mehrere zahlende Kunden haben. Die Zielsetzung ist, dass sie so weit kommen, dass ein Investor draußen sagt: »Da stecke ich mein Geld rein, denen will ich helfen.«

wissensstadt.hn: Das Venture Studio ist schon angelaufen …

Oliver Hanisch: Das Venture Studio hat das erste Startup, IUNA AI, gerade aufgenommen. Es ist ein aus Untergruppenach stammendes, auf KI und Bilderkennung basiertes Startup, das gerade mit dem ersten Pilotkunden testet und ausprobiert.

wissensstadt.hn: An IUNA AI seid ihr nun beteiligt und auf großen Profit aus?

Oliver Hanisch: Wir verstehen uns nicht als Finanzinvestor, sondern als Förderer des Ökosystems, der dafür sorgt, dass Teams in einer sehr frühen Phase ihres Startups eine erste finanzielle Grundlage hat, um wirklich fokussiert zu sein. Sie dürfen nicht mehr auf Nebenjobs angewiesen sein und nur im Feierabend daran arbeiten können. Sie sollen sich auf ihr Startup fokussieren, Geschwindigkeit aufnehmen können. Uns geht es nicht darum, hier einen möglichst guten Deal zu bekommen, sondern uns geht es darum, möglichst vielversprechende Teams dahin zu bekommen, dass sie diese kritische Anfangsphase erfolgreich durchlaufen, um einen Finanzinvestor zu bekommen. Im Endeffekt werden wir gegebenenfalls versuchen, möglichst früh diese Beteiligungen abzugeben, um unser Geld ins nächste vielversprechende Team zu investieren.

wissensstadt.hn: Und dann gibt es noch den LearnTech Hub. Was verbirgt sich dahinter?

Oliver Hanisch: Es geht dort um die Zukunft der Bildung und die Arbeitswelt von morgen. Deswegen adressiert der LearnTech Hub Startups, die schon weiter fortgeschritten sind und in diesem Bereich Lösungen am Markt haben. Wir organisieren Matchmakings zwischen Bildungseinrichtungen, Unternehmen und Startups, indem wir persönliche Verbindungen herstellen. Wir bieten Programme an, in denen Startups die Chance haben, potenzielle Kunden zu treffen.

wissensstadt.hn: Jetzt bist du seit fast drei Jahren zurück in Deutschland. Wenn Du arbeiten im Silicon Valley versus arbeiten hier in Deutschland vergleichst: Was vermisst du und was möchtest du nicht mehr missen?

Oliver Hanisch: Das gesamte Arbeitsumfeld ist sehr viel agiler dort, ist sehr viel flexibler und schneller, es ist sehr viel weniger reglementiert im Valley. Man hat viel mehr Freiheiten, Dinge auszuprobieren und umzusetzen. Und das ist eine riesige Last, die wir hier mit uns herumtragen. Also wenn ich daran denke, was hier ein Startup alles erfüllen muss, ohne das schon ein »Business« besteht, ist das im Vergleich zum Silicon Valley enorm. Das ist wirklich etwas, wovon wir uns hier lösen sollten: ein Startup wie ein etabliertes Unternehmen zu behandeln.

Auf der anderen Seite gibt es ganz viele Dinge, die ich hier wahnsinnig schätze. Die Tatsache, dass ich nicht für alles ein Auto brauche, dass ich zur Arbeit laufen oder mit dem Fahrrad fahren kann, finde ich hier in Heilbronn unglaublich gut. Zudem ist hier eine gewisse Struktur vorhanden, die oft hilfreich ist: In Unternehmen ist die fachliche Expertise und der Anspruch an Qualität oftmals höher, Beschäftigte sind besser ausgebildet und man erhält schneller richtige und relevante Informationen. Und wenn sie es nicht wissen, sagen sie dir ins Gesicht, dass es nicht wissen. Das war im Valley nicht unbedingt üblich. Mir ist sehr wichtig »Best of both worlds« zusammenzubringen. Ich glaube, dann haben wir etwas, das richtig gut funktionieren kann.

wissensstadt.hn: Ein weiterer Baustein der Campus Founders, um das lokale und regionale Startup-Ökosystem zu stärken, wird »Heilbronn Slush´D« sein. Wahrscheinlich handelt es sich dabei nicht um ein dickflüssiges, zu süßes Eisgetränk. Worum gehts bei »Heilbronn Slush´D«?

Oliver Hanisch: Das »Slush« ist Europas größtes Startup Festival mit ca. 25.000 Besuchern und es findet seit 2008 in Helsinki im Spätherbst statt, also wenn der ganze Tag dort dunkel ist, wenn es wirklich eklig ist mit all dem Schneematsch, dem Slush und wirklich kein Mensch dort sein will. Nichtsdestotrotz haben sie geschafft, dort Europas größtes Startup Festival zu produzieren. Es ist wirklich eine Mischung aus Tech-Konferenz und Popkultur-Festival mit Fokus auf Startups und Investoren. Die Slush-Macher haben sich entschieden, dass sie gerne Ökosysteme außerhalb von Helsinki mit unterstützen und fördern wollen. Also haben sie eine Ausschreibung gemacht, auf die wir uns beworben haben. 80 Startup-Ökosysteme aus der halben Welt hatten sich beworben, sechs wurden ausgewählt. Und wir sind dabei. Wir haben jetzt eine Kooperation mit Slush in Helsinki und werden bei uns am 22. September in der einzigartigen Location E-Werk eine regionale Version davon organisieren. Weitere Slush´D 2022 Standorte sind Aarhus in Dänemark, Trondheim in Norwegen, Maputo in Mosambik, Dar es Salaam in Tansania und die NYU in Abu Dhabi.

wissensstadt.hn: Das sind alles Orte, die hat man schon mal gehört, in einem größeren Zusammenhang – sei es sportlich, politisch, kulturell. Heilbronn tanzt ein bisschen aus dieser Reihe. Seid ihr stolz auf die Zusage?

Oliver Hanisch: Wir sind absolut stolz, dass wir sie für Heilbronn überzeugen konnten. Das war eine Auszeichnung für das bisher Erreichte und eine Bestätigung, dass, auch wenn es manchmal der schwerere Weg ist, dieser ganzheitliche Ökosystem-Ansatz der richtige ist: Dass man sich eben nicht nur die Gründer anschaut und nur mit den Gründern arbeitet, sondern dass man versteht, dass Startup-Erfolg eben nicht im stillen Kämmerchen entsteht, sondern wenn man ein Ökosystem zur Verfügung stellt, in dem Talente aus Hochschulen kommen, in das Investoren Geld reinstecken, wo Unternehmen bereit sind, Pilotprojekte zu machen und Medien drüber schreiben. Nur so kann ein Startup-Ökosystem Erfolg haben: wenn Netzwerke helfen und ihre Rolle im System richtig leben!