Wie kleinere und mittlere Unternehmen mit KI umgehen sollten

Im Interview mit unserer Redaktion erklärt der KI-Experte Sven Körner, wie kleinere und mittlere Unternehmen an Künstliche Intelligenz herangehen können und wie sie Enttäuschungen vermeiden. Denn letztlich ist die KI auch nur so etwas wie ein Mitarbeiter.

Interview: Christian Gleichauf; Foto: thingsTHINKING GmbH

Der Einsatz Künstlicher Intelligenz ist für kleine und mittlere Unternehmen (KMUs) ein Thema von vielen, mit denen sie sich derzeit beschäftigten sollten. Allerdings ist es eines mit schnell wachsender Bedeutung. KI-Experte Sven Körner, Geschäftsführer von ThingsThinking, setzt große Stücke auf den geplanten Innovation Park Artificial Intelligence (IPAI) in Heilbronn. Er sieht aber auch einige Stolperfallen im Umgang der Unternehmen mit der neuen Technik. Vor allem, betont er im Interview, brauche es “das richtige Gefühl”.

wissensstadt.hn: Heilbronn soll ein KI-Mekka werden. Nimmt man da, aus der Provinz heraus gedacht, den Mund etwas zu voll? Oder kann man hier im weltweiten Konkurrenzkampf wirklich punkten?

Sven Körner: Ja, Heilbronn wird punkten. Weil es jetzt schnell geht. Vor zwei Jahren wurden die ersten Ideen belächelt, vor fünf Jahren kannte man Heilbronn auf der KI-Landkarte überhaupt nicht. Heute wird Heilbronn als prominentes und gut funktionierendes Beispiel in der Szene wahrgenommen. Das zeigt, was alles passieren kann, wenn man mal Gas gibt. Und wenn das passende Kleingeld vorhanden ist, das ist natürlich eine Grundvoraussetzung. Der Innovationspark IPAI spielt jetzt eine wichtige Rolle. Doch noch wichtiger ist, dass die Verantwortlichen hier so entscheidungsfreudig sind. Einen Ritterschlag gab es dafür schon, als sich die KI-Initiative der TUM in München, die Applied AI, dazu entschlossen hat, ihre Kräfte mit dem IPAI zu bündeln. Die waren der Platzhirsch. So profitieren beide davon. Derzeit läuft hier vieles gefühlt in Lichtgeschwindigkeit.

wissensstadt.hn: Wie schnell wird man dann also Ergebnisse sehen?

Körner: Also bis hier was richtig Krasses, Großes entstanden ist, muss man sicher bis 2028 warten. Aber wir werden schon in drei Jahren sehen, ob wir auf dem richtigen Weg sind. Voraussichtlich werden auch Fehler gemacht. Aber dass man bereit ist, Fehler zu machen, ist ein großer Unterschied zu vielen anderen Orten mit ähnlichen Ansprüchen in Deutschland. Hier weiß man, Geschwindigkeit ist das einzige, was zählt.

wissensstadt.hn: Für viele bleibt KI abstrakt. Wollen Sie wieder mal einen Versuch unternehmen, das Thema begreifbar zu machen?

Körner: Künstliche Intelligenz ist ein Werkzeug. Ich erkläre das mal mit dem Cappuccino-Prinzip. Maschinen können nach wie vor nicht so guten Kaffee machen wie ein guter Barista. Aber kein Mensch muss manuell die Bohnen rösten oder eine Kuh melken, um sich einen Cappuccino zu machen. Es gibt also Schritte, die uns Maschinen abnehmen können, weil sie es besser können. Das sollte KI in der Arbeitswelt für uns tun.

wissensstadt.hn: Vieles nennt sich KI, ist aber eigentlich nicht intelligent. Wo verläuft die Grenze?

Körner: Die Grenze ist fließend. Erfahrungsgemäß nennt man etwas immer so lange intelligent, bis es nichts Besonderes mehr ist. Im Schach war lange Zeit der Mensch unangefochten, dann hat die erste KI gegen den Menschen gewonnen. Irgendwann hat dann keiner mehr KI gesagt. Heute heißt es ganz selbstverständlich: Computer sind besser im Schach.

wissensstadt.hn: Warum spricht zurzeit jeder über KI?

Körner: Bis in die 1980er Jahre musste sich jeder, der KI nutzen wollte, um alles kümmern: um die Hardware, um die Algorithmen und die gesamte Software-Lösung, natürlich auch um die Daten. Spätestens seit etwa 2010 muss man sich nicht mehr um die Hardware kümmern. Das läuft über die Cloud. Heute gibt es außerdem die Algorithmen, die funktionieren. Als kleiner Mittelständler muss ich jetzt nur noch schauen, welches Produkt, welche KI-Lösung ich daraus bauen will.

wissensstadt.hn: Das ist schon alles?

Körner: Relativ, es geht ja immer weiter. Ein Kind im Alter von eineinhalb Jahren weiß irgendwann: Wenn sich jemand hinter einer Wand versteckt, dann steht der nur hinter der Wand und ist nicht verschwunden. Und so muss auch eine KI lernen, dass jemand, der hinter einem Rednerpult steht, trotzdem Beine hat. Eine gute KI erwartet heute also wie auch wir Menschen, dass die Person, die hinter dem Rednerpult hervorkommt, eine Hose oder einen Rock anhat. Alles andere wäre extrem überraschend. Damit kann man heute arbeiten.

wissensstadt.hn: Das alles bietet viel Potenzial für Unternehmen, aber praktisch sieht noch kaum ein kleines oder mittleres Unternehmen den Nutzen. Wie lässt sich das ändern?

Körner: Das ist die größte Herausforderung, glaube ich. Es wird eine Hauptaufgabe des IPAI in den nächsten Jahren sein, dass man die Techies mit den Experten in den Unternehmen, die zum Beispiel Gussteile herstellen, zusammenbringt. Sie müssen ein Gefühl füreinander bekommen. Und besonders in den Unternehmen muss man ein Gefühl dafür bekommen, wann der Zeitpunkt gekommen ist, eine KI einzusetzen, um ein Problem zu lösen. Das haben wir oft noch nicht, und deswegen wird KI noch viel zu selten eingesetzt.

wissensstadt.hn: Jetzt geht es um Künstliche Intelligenz, und wir reden vom Gefühl…

Körner: Ja, das ist so. Jeder in Deutschland kann ja einschätzen, wann es sinnvoll ist, eine gewisse Maschine im Weinbau einzusetzen. Keiner würde auf die Idee kommen, da mit einem Ferrari reinzufahren. Übertragen auf die KI kaufen aber manche einen Ferrari und fahren dann zweimal durch die Rebzeile. Dann ist die kaputt, der Ferrari ist steckengeblieben, und dann heißt es, das ist alles großer Mist. Man darf sich also nicht auf die Enthusiasten verlassen, sondern muss gemeinsam herausfinden, welches Fahrzeug für den Weinberg geeignet ist. Das hat dann vielleicht auch vier Räder und einige PS, aber sieht komplett anders aus.


wissensstadt.hn: Wenn ein Mittelständler bereit ist, in diesem Bereich zu investieren, womit soll er anfangen?

Körner: Im IPAI ist eine Art Schulungszentrum geplant, wobei ich den Begriff nicht mag, der ist so – deutsch. Um im Bild zu bleiben: Dort kann er ein paar Runden mit verschiedenen Autos drehen und bekommt das Gefühl, von dem wir gesprochen haben. Dann ist so etwas innerhalb von einem halben Tag erledigt. Beim KI-Festival haben wir das auch geschafft. Das zeigt das intelligente Hauspost-System des Heilbronner Rathauses, das wir dort in zwei Tagen gebaut haben. Das war keine Magie.

wissensstadt.hn: Haben große Unternehmen da nicht viele Jahre Vorsprung?

Körner: Teilweise. 2008 oder 2009 hatten wir einen Termin mit einem großen Automobilhersteller hier in der Region. Damals kam aus der Zentrale die Ansage: Wir sehen im Gesamtkonzern keinen Anwendungsfall für diese Technologie. Heute ist das anders. Aber das fand ich damals schon erschreckend. Denn an der Einstellung hängt es letztlich, ob etwas draus werden kann. Jede Abteilung hat schließlich andere Dinge zu tun, wird an anderen Zielen gemessen. Wenn von ganz oben nicht das Signal kommt, dass man neue Wege gehen soll, dann wird es nichts. Das ist dann Lebenszeitverschwendung für alle Beteiligten.


wissensstadt.hn: Wie viele schwarze Schafe sind unterwegs, die irgendwas verkaufen wollen, was mit KI nichts zu tun hat und dem Kunden nichts bringt?

Körner: Das kann ich nicht einschätzen. Wenn ich beim zweiten Treffen nichts anfassen kann, mir also die Technik dahinter nicht gezeigt wird, dann würde ich mir Gedanken machen, warum das so ist. Google hat vor drei Jahren eine KI vorgestellt, die beim Friseur anruft und einen Termin ausmacht. Seitdem hat man davon nie wieder etwas gehört. Warum nicht? Auch hier die Frage: Durfte das mal jemand anfassen? Nein. Da werde ich misstrauisch. Kann ja sein, dass es einfach nicht so gut funktioniert hat, was okay ist. Aber kaufen würde ich das nicht.

wissensstadt.hn: Die Furcht, als Unternehmer einen Fehler zu machen, ist also nicht ganz unbegründet…

Körner: Natürlich nicht. Und dafür gibt es noch einen weiteren Grund. Oft kann dir ein Ansprechpartner in einem kleineren Unternehmen gar nicht sagen, was die KI leisten soll, was also das Ergebnis sein soll, wenn die KI perfekt funktioniert. Die sagen: ,Das macht der Gernot Müller jetzt seit 22 Jahren, und der hat da ein krass gutes Gefühl dafür.” Dann wird eine KI das kaum hinbekommen. Denn an Hirne anschließen kann man sie noch nicht. Aber auch wenn Gernot Müller sagt, wie er vorgeht, kommt er unter Umständen zu anderen Ergebnissen als sein Kollege. Woran misst man dann die KI? Das ist ein Problem.

wissensstadt.hn: Hört sich so an, als wäre man da verloren.

Körner: Nein, man sollte eine KI auch wie einen Mitarbeiter sehen. Selbst ein guter Mitarbeiter kann etwas falsch machen, weil er etwas nicht weiß oder da noch nicht geschult wurde. Wenn er geschult wurde und es trotzdem noch falsch macht, dann ist es ein schlechter Mitarbeiter.

wissensstadt.hn: In den Anfängen der Digitalisierung mit den ersten PCs wurden viele Fehler gemacht, es gab Abhängigkeiten, einen Flickenteppich an Speziallösungen. Wie lässt sich das bei der KI verhindern?

Körner: Ich fürchte gar nicht. Einen Flickenteppich wird es geben. Andererseits muss man sehen: Wer früh digitalisiert hat, konnte davon teils extrem profitieren. Es kommt auf den richtigen Partner an. Den erkennt man daran, dass er auch mal sagt: Kann ich nicht. Man sollte mehrere Meinungen einholen. Und man braucht Glück. Das ist wie beim Arzt.

wissensstadt.hn: Wenn man eine Lösung hier und eine andere da gefunden hat, was macht man dann in zehn Jahren?

Körner: Zehn Jahre sind schon zu weit gedacht. Man wird alles schon nach kurzer Zeit anpassen. Irgendwann wird man es ersetzen müssen. Denn die Dinge ändern sich in diesem Bereich konstant und schnell.

 

Zur Person

Dr. Sven Körner (43) ist in Neckarsulm aufgewachsen, hat dort am Albert-Schweitzer-Gymnasium Abitur gemacht. Danach studierte er am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) Computerwissenschaften und promovierte. 2017 gründete er mit drei Mitstreitern das KI-Startup Thingsthinking. Dessen Sprachsoftware Semantha ist in der Lage, Dokumente unabhängig von einzelnen Formulierungen zu verstehen und zu vergleichen. Durch seine Verbindung in die alte Heimat engagiert er sich inzwischen auch für die Campus Founders in Heilbronn und den geplanten KI-Innovationspark IPAI. In seiner Freizeit spielt Körner Gitarre in mehreren Bands. Er ist verheiratet und hat drei Kinder.