Sabine Wieluch alias Bleeptrack ist Artist in Residence an der Programmierschule 42

An der Schnittstelle von KI und Kunst: Sabine Wieluch alias Bleeptrack bringt in ihre künstlerischen Arbeiten ihre Programmier-Fähigkeiten ein. Kinetische Skulpturen und Käfer haben es der 30-Jährigen angetan, die schon in London, Mumbai udn Seoul ausgestellt hat.

Von Christoph Feil, Foto: Nico Kurth

“Gerade in der Kunst funktioniert KI, also Künstliche Intelligenz, am besten mit dem Menschen zusammen”, sagt Sabine Wieluch alias Bleeptrack. Denn: “Kreativität findet an beiden Enden statt.” Als Creative Technologist ist die studierte Medieninformatikerin per se interdisziplinär unterwegs und bringt in ihre künstlerische Arbeit gerne ihre Programmier-Fähigkeiten ein. Derzeit ist Wieluch, die in Buch bei Ulm geboren und aufgewachsen ist, Artist in Residence an der Programmierschule 42 in Heilbronn.

Wie “ein Lottogewinn” ist für die 30-Jährige das damit verbundene “sehr großzügige Budget”, über das die Schule keine genauen Angaben machen möchte. Für Workshops mit Studierenden und eigene Projekte ist Wieluch durchschnittlich alle zwei Wochen vor Ort. Das Bild, das sie anfangs von Heilbronn – “eine Industriestadt” – hatte, hat sich inzwischen gewandelt: “Um das Buga-Gelände herum passiert sehr viel.”

Holz-Objekte, die wie Lebewesen auf ihre Umgebung reagieren

Bei der Eröffnungsfeier der 42 im April war die freiberufliche Künstlerin bereits mit einer Arbeit vertreten. “Parameter Space” lautet der Titel der kinetischen Skulpturen, die aus einem Holzgerüst bestehen, dessen Teile Sabine Wieluch mit einem Lasercutter zurechtgeschnitten und mit einem dehnbaren Stoff bespannt hat. Arrangiert zu einer Art Asteoriden-Form, befindet sich im Inneren jeweils ein Motor, der über Fäden die Außenflächen bewegt.

Wie Lebewesen reagieren die Objekte mittels Sensoren auf ihre Umwelt. Denn je mehr elektronische Geräte sich in der Nähe befinden, erkennbar an ihren Wifi- und Bluetooth-Signalen, desto intensiver atmen die Skulpturen gewissermaßen ein und aus. Für die Eröffnung des KI-Salons im Oktober bastelt Wieluch, die schon in Indien, China und Großbritannien ausgestellt hat, an einer neuen Installation. Dieses Mal soll es um Fotografien und Bildererzeugung gehen.

Das Regelwerk der Kunst per Code definieren

“Programme, die Sachen erzeugen können, fand ich schon immer spannend”, erzählt Wieluch, deren Großvater Werbegrafiker bei Siemens gewesen und deren Onkel Architekt ist. Sie selbst entdeckte schon im Kindesalter ihre Liebe fürs Zeichnen, später an der Uni in einer Pause zwischen zwei Lehrveranstaltungen dann ihr Interesse an generativer Kunst.

“Es geht darum, dass man Kunst mit einem Regelwerk erzeugt”, erklärt die Medieninformatikerin. “Und Regeln kann man ganz toll in einen Computercode gießen.” Die Herausforderung dabei: Die goldene Mitte bei den Variablen zu finden, das Regelwerk also nicht über- oder unterzudefinieren. Beispielhaft erläutert Wieluch ihre generative Kunst auf ihrer Instagram-Seite anhand des Projekt “Bugs & Beetles”.

Sabine Wieluch: “Ich klaue mir gerne Sachen aus der Natur”

So hat die 30-Jährige ein Programm entwickelt, das Käferbilder kreiert. “Alle Formen werden mathematisch im Code beschrieben”, heißt es. “Der Zufall bestimmt Parameter wie zum Beispiel die Flügellänge.” Das Ergebnis sind Millionen Varianten. “Jedes Bild ist einzigartig.” Zwar könnte man auch Millionen Käfer von Hand zeichnen. “Aber dann würde ich in meinem Leben ja nicht fertig werden, ich könnte nie die Vielfalt sehen.”

Auch Blumen und Schneeflocken können auf diese Weise entstehen, mithilfe von Plottern, 3D-Druckern und Lasercuttern werden sie zu Stempeln, Stickern und Shirt-Motiven. “Ich klaue mir gerne Sachen aus der Natur, das liegt ein bisschen daran, dass die Natur selbst furchtbar gut in generativer Kunst ist”, sagt Sabine Wieluch, die von den mathematische Regeln schwärmt, nach denen etwa Pflanzen und Blüten aufgebaut sind.

Davon umgeben ist Wieluch in ihrem Tiny House, in dem sie auf dem Land mit ihrem Partner lebt. So ist die selbsterklärte Nachteule – “ab 23 Uhr kann ich noch mal richtig durchstarten” – zwar gerne online, genießt aber ebenso sehr die Zeit offline bei Spaziergängen durch den Wald. Und die physische Arbeit mit verschiedenen Materialien.

Musik, Filme und Bilder, die von Algorithmen generiert werden, können uns unterhalten – aber berühren sie uns auch emotional? “Der Mensch wird niemals rausfallen”, blickt Sabine Wieluch in die Zukunft kreativen Schaffens, “aber es wird sicher auch krasse automatisierte Systeme geben.” Zwar könne KI prima Dinge vermischen, um daraus etwas Neues zu schaffen. Aber: “Irgendein Mensch hat halt trotzdem diesen Algorithmus geschrieben.” Und letztlich interessiert ja nur bei einem Menschen die Frage: Was hat sich der Künstler dabei gedacht?

Zur Person

Sabine Wieluch, Jahrgang 1992, studierte an der Universität in Ulm Medieninformatik, aktuell schreibt sie an ihrer Doktorarbeit. Seit einem Jahr ist Wieluch freiberuflich als Creative Technologist tätig, ausgestellt hat sie schon in Berlin, London, Mumbai, Seoul und Shanghai. Der Künstlername Bleeptrack stammt noch aus der Zeit, als Wieluch Webradio gemacht hat: “Track wie der Musiktrack, Bleep ist das Lautwort zu Retrospielmusik.”

 

Mit freundlicher Genehmigung der Stimme Mediengruppe & der Heilronner Stimme