Retail Innovation Days

Text: Joshua Kocher, Fotos: DHBW Heilbronn

Retail Innovation Days

Seit 2016 veranstaltet die DHBW Heilbronn die Retail Innovation Days. Jedes Jahr berichten auf der zweitägigen Veranstaltung namhafte Händler und Technologieanbieter von ihren Handelsinnovationen. In diesem Jahr endlich wieder vor Ort am Bildungscampus!

Stellen Sie sich vor, Sie gehen in einen Supermarkt und schnappen sich einen Einkaufswagen. Sie legen einen Bund Karotten hinein, einen Sack Kartoffeln, eine Tüte Milch, zwei Packungen Haferflocken und eine Flasche Wein. Dann gehen Sie Richtung Kasse. Doch anstatt all Ihre Einkäufe aufs Band zu packen und zu warten, bis der Kassierer alles gescannt hat, laufen Sie mit Ihrem Einkaufswagen einfach aus dem Laden. Denn er hat bereits erkannt, was Sie da alles in ihn hereingelegt haben und was das zusammen kostet. Sie brauchen also bloß Ihre EC-Karte zum Bezahlen auf einen Bildschirm am Einkaufswagen legen, räumen die Waren in Ihren Rucksack — fertig ist der Einkauf.

Smart Carts heißen diese cleveren Einkaufswagen, es gibt sie tatsächlich. Die Idee hatte ein Unternehmen aus Kanada. Die Entwickler:innen haben eine Künstliche Intelligenz integriert, die mithilfe von Kameras erkennt, welche Dinge man in den Wagen legt und diese für die spätere Bezahlung registriert.

Die Smart Carts zeigen ganz gut, worauf es bei den Retail Innovation Days ankommt, die am 13. und 14. September 2022 am Heilbronner Bildungscampus stattfinden. Innovation, Erleichterung, Digitalisierung. Das sind Themen der zweitägigen Konferenz, veranstaltet vom Kompetenznetzwerk Handel an der DHBW Heilbronn. Ideen wie die Smart Carts werden vorab schon im Konferenzband vorgestellt, dem Retail Innovation Report.

Einer der Köpfe hinter der Konferenz ist Oliver Janz, 51, der als Professor an der DHBW  das Studienangebot  „Fashion Management“ leitet. Zuvor hatte er beim KarstadtQuelle-Konzern gearbeitet und bei der Hugo Boss AG. Als Wissenschaftler beschäftigt sich Janz heute mit allem, was in der Modebranche stattfindet. Schwerpunkte seien gerade das Social Media Management, da immer mehr kleine Händler auf Social Media als Werbeort setzen. Und das Thema Personal: Wie kann man Mitarbeiter:innen zufriedener machen und langfristig an das Unternehmen binden? Ein Dauerbrenner ist auch das Thema Nachhaltigkeit in der Modebranche.

Vor sechs Jahren setzte sich Janz mit einigen Professorenkolleg:innen an der DHBW zusammen, um zu überlegen, wie sie ein Event mit Fernwirkung gestalten könnten. So sollte die damals noch junge DHBW Heilbronn bekannter werden — und gleichzeitig über Innovationen im Handel diskutiert werden.

„Der Handel ist teilweise etwas träge in der Umsetzung von Innovationen“, sagt Janz, „aber doch sehr spannend.“ Mit seinen Studierenden sei er ständig im Austausch über neue Trends. Zum Beispiel über das automatische Erkennen von Regallücken. Über Algorithmen, die Prognosen erstellen können. Oder über Virtual-Reality-Brillen, denen der Durchbruch im Handel bislang noch nicht gelungen sei. Er schlendert aber auch gerne durch große Platzhirsch-Kaufhäuser; das Bad Reichenhaller Modehaus Juhasz zum Beispiel, Engelhorn in Mannheim oder Breuninger. Das Ziel der Retail Innovation Days sei es, so Janz, Einzelhändler und Partner:innen der Hochschule in den Fokus zu nehmen. In den vergangenen Jahren kamen bis zu 300 externe Teilnehmer:innen zum Austausch und zum Netzwerken.

Noch ein kurzer Ausflug. Stellen Sie sich vor, Sie wollen sich ein neues Sofa kaufen. Doch es fällt ihnen schwer sich vorzustellen, welches Sofa in Ihrem Wohnzimmer gut aussieht. Sie greifen also zum Handy, öffnen eine App und suchen sich aus dem Webstore passende Sofas aus. Sie aktivieren die Handykamera, richten sie auf die Stelle, an der ihr altes Sofa noch steht. Mit Hilfe künstlicher Intelligenz löscht die App nun ihr altes Sofa aus der Aufnahme und Sie sehen Ihr Wohnzimmer jetzt ohne Sofa. An die leere Stelle können jetzt die ausgewählten neuen Sofas nacheinander projiziert werden. Auch diese Innovation gibt es tatsächlich, in einer Augmented-Reality-App von IKEA. Diese ist ebenfalls im Innovation Report der Retail Innovation Days aufgelistet.

Die Konferenz gliedert sich in vier Sessions, zwei am Dienstag und zwei am Mittwoch. Den Start macht das Thema Nachhaltigkeit. Gespannt ist DHBW-Professor Oliver Janz vor allem auf den Vortrag von Bonita Grupp, die inzwischen gemeinsam mit ihrem Bruder den Bekleidungskonzern Trigema leitet. Wie geht eigentlich Produktion in Deutschland? Und ist das wirklich nachhaltig? Diese Fragen wird Grupp beantworten. Auch soll es in dieser Session um Biolandwirtschaft in Zeiten der Krise gehen sowie um Kreislaufwirtschaft und Lieferketten.

Nach der Mittagspause steht Transformationen im NonFood-Handel auf dem Programm. Ein Highlight sei der Auftritt von Ralf Dümmel, bekannt als Investor aus der VOX-Serie „Die Höhle der Löwen“. Er wird über Nachwuchsprobleme im Handel diskutieren, unter anderem mit Studierenden der DHBW.

Ebenso will der Weltbild-CEO Christian Sailer von der Digitalisierung seines Bücherkonzerns berichten und Martin Langhauser vom Marktforschungsinstitut GFK zeigt anhand von Daten und Grafiken, wo der Handel in Deutschland aktuell steht.

Am Abend will Oliver Janz den Retail Innovation Award verleihen. Die Awards werden dieses Mal nicht nur an Start-ups, sondern erstmals auch an etablierte Unternehmen verliehen, die mit neuen Ideen aufwarten. Dabei werden die besten der 80 Innovationen aus dem Innovation Report gekürt. Dabei sind auch die cleveren Einkaufswagen und die IKEA-App. Es gibt mehrere Kategorien: Customer Experience (Kundenerfahrung im Laden), Instore Operations (Effizienzgewinn im Laden), e-Commerce sowie die Sonderkategorie Smart Stores. Eine Jury hat vorab ausgewählt, welche Konzepte sie überzeugten, doch am Ende entscheidet das Publikum vor Ort, welche der Vorschläge gewinnen sollen.

Im Anschluss sei ein Get-Together geplant, mit DJ und Freibier ab17 Uhr. „Dieses Jahr steht deutlich der Eventcharakter im Vordergrund“, so Oliver Janz. „Wir wollen netzwerken und Spaß haben. Aber natürlich wollen wir auch inhaltlich glänzen.“ So wie in den vergangenen Jahren. Die Retail Innovation Days blickten in ihren Vorträgen in die USA und Großbritannien, hatten Referenten aus China zu Gast, aber unterstützen auch den regionalen Einzelhandel: 2016 war die Stadtinitiative mit ihrem damaligen Chef Thomas Gauß zu Gast und stellte die digitale Plattform „mein.heilbronn“ vor. Firmen-Giganten wie Media Markt waren schon zu Besuch, Amazon, SAP, Hunkemöller, Payback oder Zalando.

Tag zwei startet dieses Jahr mit dem Block „Store of the future“. Wie können sich stationäre Einzelhändler weiterentwickeln? Es geht unter anderem um unbemannte Geschäfte, um e-Food sowie um Quick Commerce. Den Abschluss macht der Nachmittagsblock, der mit einem hochmodernen Thema aufwartet: Metaverse und NFT. „Da wollen wir sehr weit in die Zukunft schauen“, sagt Janz. Was ist das Metaverse überhaupt? Und was kann der Handel tun, um dort irgendwann Geld zu verdienen? Unter anderem kommt ein Vertreter des Zuckerberg-Konzerns Meta vorbei. Corinna Dahlhaus, Absolventin der DHBW, berichtet über ihre Erfahrungen mit NFT.

Als Beispiel, wie zukunftsweisend die Retails Innovation Awards seien, führt Oliver Janz die Smart Stores an. Die seien vor vier Jahren bei einem Vortrag vorgestellt worden. Sie funktionieren so: Sobald der Kunde den Laden betritt, wird die Store-App auf dem Handy aktiviert. Das Zusammenspiel von Sensoren, Videotechnik und KI macht es möglich, dass der Kunde die Ware aus dem Regal nimmt, in den Korb legt und dann den Laden verlässt. Damals habe das wie ein Wunder geklungen. Jetzt hat der Heilbronner Bildungscampus seine eigenen Smart Stores – die shop.box und die collect.box. Auch die kann man sich während der Retail Innovation Days anschauen.

 

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