Heilbronner Leerstand wird mit Wissen gefüllt

In der Heilbronner Innenstadt ist ein Treffpunkt geplant, an dem Bürger Forschung erleben, ausprobieren und bewerten können – ein Urban Innovation Hub. Dort sollen möglichst alle Teile der Bevölkerung attraktive Angebote finden.

Von Annika Hefter, Foto: Harald Schmidt

Bei Kaffee und einem Snack Ideen austauschen, Wissenschaft mitten in der Stadt erleben, Forschung anfassen und ausprobieren: Die Idee für einen “Wissenssatelliten” in Heilbronn steht schon seit längerer Zeit im Raum. Jetzt wird sie konkreter: In der Sülmerstraße soll ein Urban Innovation Hub (deutsch: Städtisches Innovationszentrum) entstehen. Was zunächst eher nach Labor oder wirtschaftlicher Zusammenarbeit klingt, ist in Wirklichkeit als Treffpunkt für Bürger gedacht – mitten in der Stadt.

Immer wieder gibt es Leerstände in der Innenstadt, in Folge der Corona-Pandemie könnten es noch mehr werden. Sie sinnvoll zu nutzen und dadurch “die Innenstadt zu beleben und attraktiver zu machen”, ist eines der Ziele des Urban Innovation Hubs, erklärt Bernd Bienzeisler vom Fraunhofer-Institut in Heilbronn, das das Projekt federführend umsetzt. Direkt in der Sülmer City habe man schon einen passenden Leerstand für das Zentrum gefunden, noch gibt es aber keinen Mietvertrag.

Ministerium will Leuchtturm in Heilbronn schaffen

Was genau dann mit dem Leerstand passiert, wird jetzt ausgearbeitet. Zunächst wird das Projekt für 15 Monate unter anderem vom baden-württembergischen Wirtschaftsministerium gefördert. Das Ministerium hat das Ziel, ein Leuchtturmprojekt in Heilbronn zu schaffen, in etwa nach dem Vorbild des “Josephs” in Nürnberg oder der Hamburger “Frei_Fläche”.

Langfristig sollen vor allem die Mitglieder des Vereins Wissensstadt Heilbronn bei der Ausgestaltung der Idee aktiv werden.

Technologien testen und bewerten, Arbeitsflächen schaffen

So könnte es im Erdgeschoss der angemieteten Räume Ausstellungen, Events oder neue Technologien und Forschungsergebnisse zum Testen und Bewerten geben. Im Obergeschoss, erklärt Felix Zimmermann vom Fraunhofer-Institut, “könnten Arbeitsplätze und ein Co-Working-Space geschaffen werden”. Er unterstreicht aber auch: “Das alles steht noch im Konjunktiv.”

Zunächst schaue sich derzeit ein Architekt die Räume an, um einzuschätzen, wie aufwendig, auch finanziell, die Renovierung der Fläche wird. “Der Sanierungsbedarf ist groß”, sagt Zimmermann. Sobald ein Mietvertrag für die Räume in der Sülmerstraße steht, könne die Detailkonzeption, zum Beispiel zur konkreten Raumnutzung, erfolgen.

Ganze Stadtbevölkerung soll angesprochen werden

Um schon einmal Ideen zu sammeln, tauscht sich das Fraunhofer-Institut am Dienstagabend mit anderen Mitgliedern des Vereins Wissensstadt aus. Drei große Punkte stehen dabei im Fokus: die Zielgruppendefinition, Ideen, wie die Fläche genutzt werden könnte, und organisatorische Fragen wie die nach dem Personal, das das Urban Innovation Hub betreiben soll. Auf digitalen Notizzetteln schreiben die Vereinsmitglieder ihre Vorschläge auf. “Es ist extrem wichtig zu definieren, für wen dieses Angebot sein soll”, merkt Experimenta-Leiter Wolfgang Hansch an.

Das bekräftigt auch DHBW-Professorin Yvonne Zajontz, die als eine der Ersten die Idee hatte, Leerstände als “Wissenssatelliten” zu nutzen. Im Gespräch mit Oberbürgermeister Harry Mergel, erzählt sie, habe auch er betont, die ganze Stadtbevölkerung sollte idealerweise abgeholt werden, nicht nur eine Bildungselite.

Innenstadt als Reallabor nutzen

“Ich finde, wir sollten auch gesellschaftspolitische Themen aufnehmen, die für die Bevölkerung interessant sind, selbst wenn wir in Heilbronn keine gesellschaftspolitischen Studiengänge haben”, schlägt Zajontz vor. HHN-Prorektor Raoul Zöllner stellt sich zudem vor, dass durch die gute Lage auch die gesamte Innenstadt als eine Art “Reallabor” genutzt werden könnte, indem Bürger zum Beispiel neue Mobilitätskonzepte ausprobieren und für deren Weiterentwicklung auch bewerten können.

Die große Ideensammlung des Abends freut Bernd Bienzeisler sehr: “Dieses Projekt ist eine Vereinsaktivität”, betont er. “Es ist richtig schön, wie viel Kompetenz hier vorhanden ist und dass sich so viele einbringen. Nicht jede Stadt hat ein solches Forschungsnetzwerk.” Im Herbst, spätestens im Winter dieses Jahres ist die Eröffnung des Urban Innovation Hubs geplant.

Der Antrag für das Urban Innovation Hub wurde vom Kompetenzzentrum Smart Services gestellt, das unter anderem aus dem Fraunhofer-Institut und verschiedenen baden-württembergischen Hochschulen besteht. Zu Beginn des Projekts werden die Antragsteller verstärkt eingebunden, später soll der Verein Wissensstadt, bei dem auch die Heilbronner Stimme Mitglied ist, mehr Aufgaben übernehmen. Die Förderung beträgt zunächst rund eine Million Euro. 800.000 Euro davon kommen vom Landeswirtschaftsministerium, 250.000 Euro stellt der Verein Wissensstadt über Gelder der Dieter-Schwarz-Stiftung bereit.