Funktionierende Lieferketten sind essenziell für Unternehmen

Experten aus Wissenschaft und Praxis diskutieren beim TUM-Talk auf dem Bildungscampus Heilbronn, welche Lehren Staat und Unternehmen aus Krisen wie dem Ukraine-Krieg und der Corona-Pandemie ziehen müssen.

Von Jürgen Paul, Foto: TUM

Die Corona-Pandemie und der Krieg in der Ukraine haben auf brutale Weise gezeigt, wie wichtig funktionierende Lieferketten für unsere Wirtschaft und die Versorgung der Bevölkerung sind.  Bricht nur ein Glied in den weltweit vernetzten Lieferketten weg, kommen die Warenströme ins Stocken oder gar komplett zum Erliegen. Welche Lehren müssen Staat und Unternehmen aus dieser bitteren Erfahrung ziehen? Darüber diskutierten Experten aus Wissenschaft und Praxis beim Talk der Technischen Universität München (TUM) Campus Heilbronn am Donnerstagabend vor 130 Gästen.

Immunsystem der Unternehmen

Für David Wuttke, Professor für Supply Chain Management (Lieferketten-Management) an der TUM Heilbronn, sind funktionierende Lieferketten „absolut essenziell“. Da die Ursachen für eine Unterbrechung der Warenströme selten vorhersehbar seien, müssten die Unternehmen dafür sorgen, dass ihre Lieferketten resilienter werden. Das könne etwa mit der Erhöhung der Lagerbestände, der Rückholung von Produktion ins Unternehmen oder der breiteren Aufstellung bei den Lieferanten  geschehen, sagt Wuttke. Auch Flexibilität sei notwendig, um die Widerstandsfähigkeit der Lieferketten effizient zu erhöhen. Diese Resilienz bezeichnet der Wissenschaftler als „Immunsystem der Unternehmen“.

In der von Helmut Krcmar, Gründungsdekan der TUM Campus Heilbronn, moderierten Diskussion, zeigte sich, dass die Lieferkettenproblematik Unternehmen ganz unterschiedlich betrifft  – auch wenn grundsätzlich alle Sektoren Probleme hätten, wie Ev Bangemann von der  Beratungsgesellschaft Ernst & Young deutlich machte. Wie wichtig mehrere Produktionsstandorte sein können, erläuterte Laura Karbach, Executive Vice President Supply Chain & Sustainability bei Recaro Aircraft Seating.

Die weltweit verteilten Produktionsstandorte des Flugzeugsitzeherstellers haben dem Unternehmen in der schweren Krise geholfen, die Produktion zu sichern. „Da die Produktion an allen Standorten gleich abläuft, war der schnelle Wechsel kein Problem für uns“, sagt Karbach. Auch die Beschäftigungssicherung am Stammsitz in Schwäbisch Hall habe dazu beigetragen, Produktion und Lieferketten aufrechtzuerhalten.

Bei Intersport gut vorbereitet

Gut vorbereitet auf die Krise war man bei Intersport. Als die Läden in der Pandemie schließen mussten, konnte der Sporthandelsverbund die Kunden über seine Online-Plattform mit den gewünschten Produkten versorgen. „Wir hatten auch Glück, dass wir gerade ein neues Logistikzentrum in Betrieb genommen hatten“, sagt Katja Burkert, CIO von Intersport Deutschland.  So konnte die weiterhin eingehende Ware trotz der Probleme und Unsicherheiten gut gemanagt werden.

Dass die Bauwirtschaft von den Krisen nicht so stark betroffen war wie andere Branchen, erklärt Josef Geiger, Präsident des bayerischen Bauindustrieverbandes, mit der großen Erfahrung im Umgang mit unvorhersehbaren Ereignissen.. „Wir haben eine gewisse Resilienz“, sagt er. Vorteile bei Lieferkettenproblemen hätten Betriebe, die über eigene Baustoffe und Zwischenlager verfügten.

Clemens Fuest, Präsident des Ifo-Institutes, weiß, wie stark Lieferkettenschwierigkeiten die deutschen Unternehmen belasten. 60 Prozent der Unternehmen haben laut einer Ifo-Umfrage derartige Probleme. Fuest rät dazu, die Lieferanten zu diversifizieren, die Lagerhaltung zu erhöhen  und outgesourcte Ressourcen wieder zurück in den Betrieb zu holen – auch wenn das Geld koste und die Inflation antreibe. 

 

Mit freundlicher Genehmigung der Stimme Mediengruppe & der Heilronner Stimme