Die Weinkönigin und die Professorin – Wie zwei Frauen die Zukunft des deutschen Weins mitgestalten

Text: Ariel Hauptmeier, Fotos: Meli Dikta / Blickboutique 

Die Weinkönigin und die Professorin

Wie zwei Frauen die Zukunft des deutschen Weins mitgestaltenn

Tamara Elbl hat einen romantischen Blick auf das Thema Wein.

Ruth Fleuchaus hat einen analytischen Blick auf das Thema Wein.

Und das ist gut so. Denn es braucht beides. 

Das Herz und den Kopf. Die begeisternde Weinprobe und das kühl durchdachte Marketingkonzept. Die Liebe zur Heimat und den Taschenrechner. 

Beide Frauen haben sich für Heilbronn entschieden. Weil es eine jener Städte ist, in denen die Zukunft des deutschen Weins mit geprägt wird. Hier wird nicht nur die nächste Generation von Winzern und Weinhändlern ausgebildet. Sondern auch Grundlagenforschung betrieben. Denn: Was wird aus Riesling und Trollinger in Zeiten des Klimawandels?

Beide Frauen wollen wir ihnen vorstellen, die Weinkönigin und die Professorin. Und unterwegs jene beiden Institutionen kennenlernen, an denen sie wirken. Die Duale Hochschule Baden-Württemberg und die Hochschule Heilbronn für Angewandte Wissenschaften. Die beitragen zum Ruf von Heilbronn als einer bedeutenden deutschen Weinstadt. 

Beginnen wir mit Tamara Elbl. 

Sie ist 23 Jahre jung, gelernte Winzerin und amtierende Weinkönigin von Württemberg. Demnächst wird sie ihr Studium an der Dualen Hochschule im Fach Wein-Technologie-Management abschließen. 

Winzerin, Weinkönigin, Weinstudium – ja, Tamara Elbl will es genau wissen. Anders gesagt: Sie nimmt viel Anlauf, um eines Tages ganz hochzuspringen. Geschäftsführerin eines Weingutes oder einer Genossenschaft möchte sie eines Tages sein. Eine Managerin, »die im Keller und im Berg mit anpackt«. Denn das liebt sie. Das draußen sein. Den Wandel der Jahreszeiten. Eisige Wintertage, die erste Mandelblüte, der Ehrenpreis, die milden, stillen Abende im Sommer. 

Im Keller: Tamara Elbl im Weinkeller des Staatsweinngut Weinsberg

Als sie ein kleines Mädchen war, hob ihr Urgroßvater sie manchmal auf den Schlepper, daheim in Pfedelbach-Untersteinbach, setzte sie in den eigens gebauten Kindersitz über dem Radkasten und fuhr mit ihr in den Weinbergen spazieren. Sie liebte es. 

Eine Gummistiefel-Jugend mit Rebschnitt nach den Hausaufgaben blieb ihr dann aber erspart. Ihre Eltern hatten den Weinberg verpachtet. 

Als Schülerin jobbte sie im Verkauf der Weinkellerei Hohenlohe, der örtlichen Genossenschaft. Und dort machte es Klick. Sie hatte ihre Berufung gefunden. Nicht nur kam ihre fröhliche, herzliche, unbeschwerte Art bei den Kundinnen und Kunden derart gut an, dass Tamara Elbl bald auch Weinproben und Weinwanderungen leitete. Auch sie selbst ging jedes Mal ganz beschwingt von der Arbeit nach Hause. 

Sie genoss »dieses Lächeln der Kunden, wenn sie ihren Lieblingswein entdeckt haben«. Sie war stolz, dass es ihre Empfehlung war, die dieses Lächeln hervorzauberte. Eine Beratung, die nicht auf billigen Verkäufertricks beruhte, sondern auf Liebe zum Produkt. Sie brachten den Wein zum Sprechen, sie konnte gut erzählen, Geschichten »von der Persönlichkeit des Winzers, den Traditionen, der Gegend.« Das alles garniert mit ihrem unbeschwerten, perlenden Lachen. Und so wussten bald alle: Wenn Tamara Elbl auftrat, verkaufte sich der Wein wie von selbst. 

Mit der Krönung zur württembergischen Weinhoheit ist Tamara Elbl nun auch ihrem großen Traum, die Krone der Deutschen Weinkönigin für ein Jahr zu tragen, ein gutes Stück nähergekommen.

Und so war es nur logisch, dass sie 2019 bei der Wahl zur Württemberger Weinkönigin kandidierte – und gewann. Weinkönigin zu werden, davon hatte sie schon als Kind geträumt. Nun gesellte sich zum Mädchentraum eine Mission: Sie wollte den Menschen hinter dem Wein ein Gesicht geben. Zeigen, wie viel Arbeit und Kenntnis in dem Produkt steckt. 

Da war sie selbst schon inmitten ihrer zweijährigen Ausbildung zur Winzerin, ein Jahr beim Weingut Drautz-Able, das zweite Jahr beim Staatsweingut Weinsberg. Das Herzklopfen vor dem ersten Laubschnitt, allein auf dem großen Schlepper. Ihr Gesellenstück, ein eigener Rotwein, selbst erschaffen von der Lese bis zur Gärung. Und er schmeckte! Hatte »eine schöne Frucht, Kirschnoten in der Nase, am Gaumen ein wenig strubbelig«, aber kein Wunder, er war ja noch jung, ein Rotwein braucht Zeit, »ich bin gespannt, wie er in zwei, drei Jahren schmeckt.« 

2019 schrieb sie sich ein im damals neu geschaffenen Studiengang Wein- und Technologie-Management an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg, der DHBW in Heilbronn. Für sie die perfekte Mischung aus Theorie und Praxis. Sie blieb angestellt beim Staatsweingut und arbeitete dort drei Monate lang, ehe sie drei Monate die Hochschule besuchte, sechs Semester lang, ehe sie Urlaubssemester nahm, um sich auf ihr Amt als Weinkönigin konzentrieren zu können. Im September wird sie wieder ins Studium einsteigen und es bis zum Bachelor durchziehen. Und danach gleich wieder in den Beruf. 

Jubiläumsfaß: 150 Jahre Weinbauschule Weinnsberg

»Weinbau plus BWL plus Unternehmensführung – diese Kombination hat mir sehr zugesagt«, sagt Tamara Elbl. Sie war angenehm überrascht, wie familiär es in Heilbronn zugeht. Nein, ein anonyme Massen-Uni, wo sich Hunderte Studierende in einem Auditorium drängen, wäre nichts für sie gewesen. An der DHBW aber kenne man sich, grüße einander und könne mit jedem Problem gleich zum Studiengangsleiter gehen. Immer wieder sei sie beeindruckt, wie viel Erfahrung die Lehrenden mitbringen, – von denen einige veritable Vorbilder geworden seien. Management und Marketing hört sie in Heilbronn, Weinbau lernt sie in Weinsberg, der ältesten deutschen Weinbauschule. Rund 20 Studierende schreiben sich pro Jahr ein in ihrem Fach.

»Junge, engagierte Leute« seien das, von denen die meisten eines Tages ein Weingut übernehmen werden. Rund die Hälfte den elterlichen Betrieb, die andere Hälfte seien Quereinsteiger. Aus Württemberg kommen ihre Kommilitonen, aus Baden und der Pfalz, aus Rheinhessen und Franken, »sogar einen Hamburger haben wir in unserem Jahrgang«, auch er hat sich dem Wein verschrieben und nach Heilbronn gezogen, weil es so ein Studium in Deutschland nicht ein zweites Mal gibt, Önologie und BWL, Buchhaltung und Rebschnitt.

Nur eines nervt sie an Heilbronn, sagt Tamara Elbl – der Verkehr. Eine Stunde brauche sie morgens für die gut 30 Kilometer bis zur Uni. Aber sie nutzt die Zeit. Sie feilt dann an ihren Texten für die nächste Weinprobe. Wenn sie vielleicht einen Weißburgunder vorstellt, die »kleine, verträumte Schwester in der Burgunderfamilie, die verträumt mit dem Kopf ein wenig in den Wolken hängt«.

Die zweite Frau, die wir Ihnen heute vorstellen möchten, heißt Ruth Fleuchaus und ist Professorin für Marketing an der Hochschule Heilbronn. Nein, sie umrankt den Wein nicht mit blumigen Worten. Sondern seziert mit nüchternem Blick die Eigenheiten der Branche. 

»Der Markt ist gesättigt«, sagt sie, »es wird weltweit viel mehr Wein produziert als getrunken.« Die Folge: ein enormer Wettbewerbs- und Preisdruck. Wie können Betriebe da rentabel wirtschaften? Das ist die Frage, der sie gemeinsam mit ihren Studierenden im Fach Weinmarketing und Management immer wieder nachgeht. Ruth Fleuchaus ist dort eine von drei Professor*innen. Sieben Semester lang lernen die Studierenden bei ihnen Weinbau und Önologie, Betriebswirtschaft und, eben, Marketing. 

Denn, seien wir ehrlich, Wein ist Wein, der eine schmeckt etwas besser, der andere nicht so gut, aber letztlich ist es ein »generisches Produkt«, sagt Fleuchaus, unzählige Anbieter produzieren etwas sehr Ähnliches. Wie kann sich ein Winzer aus der Masse hervorheben? Etwas Generisches in etwas Begehrtes verwandeln? 

Auch Ruth Fleuchaus stammt aus einer Winzerfamilie – und sie hatte eine Gummistiefeljugend. Von klein auf musste sie mit anpacken. Mit gerade mal sieben Jahren stiefelte sie, einen Draht um den Bauch, die Steilhänge des elterlichen Weinbergs rauf und runter, wenn die Drahtanlage erneuert werden musste. Jahrelang stand sie im Februar in pelzigen Winterstiefeln im Schnee und schnitt mit mechanischer Schere die Reben. Biege- und Laubarbeit im Frühjahr und Sommer. Die Lese im Herbst.

Ruth Fleuchaus ist Professorin für Marketing an der Hochschule Heilbronn – und sie hatte eine Gummistiefeljugend.

»Es war eine anstrengende Zeit«, sagt Ruth Fleuchaus, »sie hat mich geprägt. Wenn ich eines in meinem Leben gelernt habe, dann arbeiten.« Bis heute muss sie gut auf ihren Rücken achtgeben, ihre Wirbelsäule hat das stundenlange, schiefe Stehen im Steilhang nie vergessen. 

Nach dem Abitur begann Fleuchaus eine Banklehre, hielt es aber nur 2 Wochen aus. Also doch eine Winzerlehre und dann ein Wein-Studium, erst in Weinbau und Kellerwirtschaft, dann in Önologie mit zunehmendem Schwerpunkt Marketing. Doch dann verließ sie die Weinbranche, sie war ihr »zu klein, zu eng, zu unprofessionell«, und landete einige Jahre später bei dem Lebensmittelriesen Unilever. Zehn Jahre war sie dort Marktforscherin, unter anderem testete sie, wie Pfanni-Fertigpurees und Knorr-Tütensuppen bei den Kundinnen und Kunden ankommen. Wie zufrieden Großküchenköche mit den Unilever-Großküchenprodukten waren. 

»In so einem Job lernt man Marketing«, sagt Ruth Fleuchaus, »lernt, eine Marke aufzubauen, zu führen, zu hüten.« Und das geht wie? »Entscheidend ist die Positionierung: Wer bin ich, was kann ich, was hat die Menschheit von mir? Diese drei Fragen muss ich klar beantworten können. Wenn Sie eine Marke als Mensch beschreiben: Wie ist er dann? Für welche Werte steht er?« 

Eine weitere Besonderheit der Heilbronner Ausbildung: die studiengangeigene Weingenossenschaft, geführt von Studierenden

Womit wir wieder beim Wein sind und bei der Frage, – wie sich ein Weingut hervorheben kann. Warum der eine Bordeaux-Wein fünf, der andere 50 Euro kostet. Warum es auch einigen deutschen Winzern gelungen ist, bekannt zu werden, Mehrwert zu schaffen, Begehrlichkeit zu wecken. Eben: indem sie eine Marke kreieren. Indem der Winzer, die Winzerin ihre besondere Geschichte erzählen. Indem sie Preise gewinnen, in der Presse auftauchen, sich auf irgendeine Weise unverwechselbar machen. Denn: »Die Kunden kaufen nie nur ein Produkt, sondern immer auch ein Lebensgefühl.«

2004 folgte Ruth Fleuchaus dem Ruf an die Hochschule Heilbronn. Hier, das wusste sie, konnte sie etwas bewirken, konnte helfen, die in Deutschland immer noch recht behäbige Branche zu modernisieren. Und packte gleich tüchtig an: Noch im ersten Jahr begründete sie den Heilbronner Weinmarketingtag. Auf dem seither Praktiker und Forscherinnen zusammenkommen, Händlerinnen und Wissenschaftler, um miteinander zu diskutieren, voneinander zu lernen und sich miteinander zu vernetzen. Längst ist der Marketingtag wohlbekannt und hat, – wenn nicht gerade Corona ist – an die 200 Besucherinnen und Besucher. 

Fleuchaus und ihre jährlich rund 25 Studierenden gehören der Fakultät International Business an, mit rund 1.600 Studierenden und rund 40 Professorinnen und Professoren. So stehen den künftigen Weinexpert*innen zig Türen offen, ergeben sich zig Querverbindungen in verwandte Branchen. Tourismus ist ein Schwerpunkt an der Fakultät, genau wie Hospitality, also Hotel und Restaurant Management. Und beides ergänzt sich bestens mit dem Thema Wein. 

Bildungscampus: Ruth Fleuchaus in denn Räumlichkeitenn der HHN am Bildunnggscampus in der City

Während Fleuchaus sich in der Lehre vorrangig um das Thema Wein-Marketing kümmert, ist sie in der Forschung mit dem »Weinbau der Zukunft« beschäftigt. Es geht um pilzwiderstandsfähige Rebsorten (PIWI), die resistent gegen Pilzkrankheiten sind. An Ruth Fleuchaus war es zu untersuchen, ob es sich rechnet, wenn Weingüter ihren Wein nachhaltig produzieren und wie die Konsumenten darauf reagieren. 

Das Fazit ihrer Studie: Nachhaltigkeit rangiert noch weit unten auf der Skala der Kaufentscheidungen. Der Wein muss schmecken, das ist das wichtigste, und günstig muss der Preis sein. Weil die Deutschen Pfennigfuchser sind in Sachen Wein. Oder in den Worten von Professorin Fleuchaus: »Die Deutschen sind beim Weinkauf sehr preissensibel.« Andere im Studiengang kümmern sich um die Erforschung Weinguts eigener Hefen oder um das Thema Existenzgründung und nachhaltige Unternehmensführung.

Eine weitere Besonderheit der Heilbronner Ausbildung: die studiengangeigene Weingenossenschaft, geführt von Studierenden, damit sie schon während des Studiums unternehmerische Verantwortung übernehmen. Ihr Job: den Hochschulwein zu vermarkten, 1.500 Flaschen Rotwein, 1.500 Flaschen Weißwein, 1.000 Flaschen Secco und jetzt auch einen Alkoholfreien. Am Ende müssen die Bücher stimmen. Und das taten sie bislang.

Eine weitere Besonderheit der Heilbronner Ausbildung: die studiengangeigene Weingenossenschaft, geführt von Studierenden

Die meisten Deutschen kaufen ihren Wein im Einzelhandel und im Supermarkt, rund 80 Prozent des Bedarfs wird in Deutschland hier gedeckt. »Die wenigsten Menschen kaufen hierzulande bei einem Winzer«, sagt Ruth Fleuchaus. Und das spiegelt sich auch in den Werdegängen ihre Studienabgänger wider. Auch die gehen zu einem großen Teil in den Handel, werden Einkäufer bei Aldi, Lidl, Rewe, bei Edeka oder im Fachhandel, arbeiten im Produktmanagement oder im In- und Export. »Im Einkauf spielt die Musik«, und die Heilbronner Alumni gehören zu jenen, die den Ton angeben. »Sie bringen eine gute Sensorik mit, können rechnen, gehen aber nicht in Produktverliebtheit unter.« Sie könnten nach dem Studium also auch in eine andere Branche wechseln. Zu den Kartoffelpürees oder den Tütensuppen beispielsweise. 

Sagt Ruth Fleuchaus, die Marketing-Professorin. Die nüchterne Analytikerin. 

Während Tamara Elbl, die Weinkönigin, vielleicht gerade im Stau steht, irgendwo auf der Landstraße Richtung Heilbronn und passende Bilder, Vergleiche und Metaphern für ihre nächste Weinprobe ersinnt.

Weitere Infos zu den Studiengängen und Inhalten und mehr zum Thema Wein & Studium:

www.heilbronn.dhbw.de/wtm

www.lvwo-bw.de

https://www.hs-heilbronn.de/wmm

https://www.perspektive-wein.de/