Die Forschung kommt ins Stadtzentrum

Text: Joshua Kocher, Fotos: Nico Kurth

Die Forschung kommt ins Stadtzentrum

Mit dem Urban Innovation Hub in der Heilbronner City sollen Stadtbevölkerung und Wissenschaftler mehr in Austausch kommen. Bei Bernd Bienzeisler und seinem Team laufen die Fäden des Projekts derzeit zusammen.

Die Mauer muss weg. Gut, es ist keine Mauer. Sondern ein Hotel, ein Einkaufszentrum und ein Parkhaus, die an der Ringstraße zwischen dem Bildungscampus und der Heilbronner Innenstadt stehen. Und ernsthaft abreißen will die Riesengebäude natürlich niemand. Doch sie sind ein symbolischer Wall, der Wissenschaft und Forschung vom Alltagsleben Heilbronns trennt. So entstand über Jahre ein Phänomen, das die DHBW-Professorin Yvonne Zajontz so umschreibt: „Der Bildungscampus ist eine Insel und niemand weiß, wie man auf sie kommt.“ Innenstadt und Bildungscampus — zwei Welten, die auch wegen der Mauer bislang kaum miteinander verbunden sind.

Bernd Bienzeisler, 52, ist der Mann, der diese Mauer symbolisch einreißen soll. Er leitet im Auftrag des Fraunhofer-Instituts das Projekt Urban Innovation Hub. Mit beteiligt sind außerdem der Verein Wissensstadt Heilbronn sowie die Hochschulen Heilbronn, Furtwangen und Konstanz. In einem ehemaligen Ladengeschäft in der Sülmerstraße 21 soll ab 2023 präsentiert werden, was hinter der Mauer getüftelt, gewerkelt und geforscht wird. „Der Bildungscampus bekommt eine Adresse in der Innenstadt“, sagt Bienzeisler. Die beiden Welten sollen verbunden werden.

Das Projekt soll gleich mehrere Probleme lösen. Den mangelnden Austausch zwischen Stadtbevölkerung sowie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern. Den Leerstand in der Innenstadt. Den Rückgang des Einzelhandels. Der Urban Innovation Hub soll die Stadt der Zukunft formen und ein Ort des Austauschs werden.

Bienzeisler scrollt über seinen Bildschirm. Er will Fotos zeigen, wie der Laden derzeit aussieht. Früher war hier ein Skatershop untergebracht. Doch seit Längerem steht die Fläche leer. Der Sanierungsbedarf ist dementsprechend groß. Auf den Fotos sieht man den Staub auf dem Fußboden liegen, die Fenster sind ungeputzt, alle Möbel ausgeräumt. Räume, die darauf warten, wieder Leben eingehaucht zu bekommen.

Im Sommer soll mit der Sanierung begonnen werden. Alles kommt raus und frische Böden, Toiletten und Möbel rein. Bislang kann man nur erahnen, wie der Laden bei der geplanten Eröffnung im November aussehen soll. Doch Bienzeisler ist sich sicher: „Es soll eine richtig coole Fläche werden.“ Man soll sich gerne hier aufhalten.

Der Plan ist, ein offenes, innenstädtisches Labor zu entwickeln. Auf 260 Quadratmetern und zwei Stockwerken. Unten sollen eine Infotheke und ein Empfang entstehen. Dazu viel Platz für wechselnde Ausstellungen, die sich einem konkreten Thema widmen und vermutlich mindestens halbjährlich wechseln. Im oberen Stock soll Raum zum Arbeiten entstehen und für Workshops.

Den Auftakt macht das Thema Einzelhandel mit all seinen Facetten und großen Fragen. Wie kaufen wir ein, wie versorgen wir uns? Die Forscher wollen ihre Ideen präsentieren, die Fragen aber gerne auch an die Bevölkerung zurückstellen. Sie wollen Daten zeigen, Befragungen durchführen und neue Entwicklungen testen. VR-Brillen zum Beispiel, Verkaufsautomaten, Roboter. Oder rollende Shoppingboxen, die neben einem herfahren und die Einkaufstüten tragen. Künstliche Intelligenz soll ebenfalls Thema sein, — was ist bereits möglich und wo liegen die Grenzen? Es gehe viel um Interaktion, sagt Bienzeisler.   

Bernd Bienzeisler ist Experte für die Stadt der Zukunft. Er leitet das Forschungs- und Innovationszentrum Kognitive Dienstleistungssysteme KODIS am Fraunhofer-Standort Heilbronn. Er versucht schon länger zu verstehen, wie Städte durch digitale Services attraktiv bleiben können. Die Fraunhofer-Forscher in Heilbronn verfolgen dafür bislang zwei Ansätze. Erstens sollen im Rahmen der Smart Campus Initiative auf dem Campus digitale Lösungen entwickelt werden. Und diese dann in die Stadt getragen werden. Zweitens werden auch in der Heilbronner Innenstadt Daten erhoben und bereitgestellt. City Analytics heißt das Vorhaben, damit könne zum Beispiel die Fußgängerfrequenz in der Innenstadt gemessen und diese mit dem Wetter kombiniert werden. Wenn Händler über diese Daten verfügen, könnten sie besser ihr Personal planen oder Angebote darauf abstimmen. Auch für die Stadtentwicklung könnte es interessant sein zu wissen, wo sich die Menschen bei Regen tummeln.

Auch um diese Forschungsergebnisse der Bevölkerung zugänglich zu machen, haben Bienzeisler und sein Team den Urban Innovation Hub initiiert. In der Projektbeschreibung steht, Heilbronn biete mit einem einzigartigen Forschungsökosystem rund um den Bildungscampus und einer Innenstadt mit großem Entwicklungspotenzial ideale Voraussetzungen als Standort für ein solches Innovationslabor. Auch deshalb hat das baden-württembergische Wirtschaftsministerium eine 15-monatige Förderung in Höhe von insgesamt 800.000 Euro zugesagt.